Gib mir Worte

Schreibparade April 2012 bei Miss Magic

Im Februar und März lagen mir die Themen, nicht so arg, so dass ich ausgesetzt habe. Zum Thema milde Strafe, das sich Miss Magic für die Schreibparade im April ausgedacht hat, habe ich jedoch eine kleine Geschichte in Petto, die ich Euch jetzt vorstellen möchte. Alle die der Berliner Mundart auch schriftlich mächtig sind, mögen mir meine Schreibfehler nachsehen, aber Britta muss einfach so reden :-)

Kneipentalk
Um 19.40 Uhr betrat Pastor Schulz die Dorfkneipe. Fröstelnd strich er über die Ärmel seines Mantels, in dessen grobem Stoff sich einige schmelzende Schneeflocken verfangen hatten. Schon im Vorraum des bieder altdeutsch eingerichteten Gasthauses konnte der Pastor hören, dass drinnen laut diskutiert wurde. ‘Kann mir schon denken, worum es drinnen geht’, dachte er, als er mit steif gefrorenen Fingern seinen Mantel aufzuknöpfen begann. Er hängte den Loden an die Garderobe und strich noch einmal fest mit beiden Stiefeln über die Fußmatte, bevor er den Schankraum betrat.
Stickige, rauchige Kneipenluft strömte ihm entgegen, seine Brille beschlug. Rasch warf Schulz einen Blick über den Raum. Am Stammtisch saßen die drei Skatbrüder- der Postbote, der Bäcker und sein Sohn. In der hinteren Ecke ein Pärchen, das Schulz nie zuvor in der Gemeinde gesehen hatte. ‘Wahrscheinlich Durchreisende’, überlegte er. Am Tresen saßen Direktor Schmitz von der hiesigen Realschule, Karl der Knecht vom Hiller-Hof und der Kronenwirt selbst. Die Bewirtung seiner Gäste hatte er a seiner Berliner Aushilfe Britta anvertraut, die bei ihm ihren –sehr -verlängerten Ferienjob- gefunden hatte. Der Pastor trat an die Herren heran und fragte freundlich: „Darf ich bei Ihnen Platz nehmen?“
„Selbstverständlich“, antwortete der Wirt, „oder glauben Sie, ich will mir mein Geschäft vermiesen?“
Rasch drehte er sich wieder zu Rektor Schmitz: „Was hatten Sie gesagt?“
„Ich meinte, dass das der Anna eines Tages passieren musste. Sie hat sich immer viel zu aufreizend angezogen. Sie hat es doch darauf angelegt, dass die Kerle sie anmachen.“
Schulz lauschte dem Gespräch, seine Augen versuchten Britta ins Visier zu bekommen, damit er sein Bier ordern konnte. Endlich tauchte ihr Kopf wieder am Tresen auf.
„Ein Bier bitte“, rief er ihr über die laute Stimme des Rektors hinweg entgegen.
„Ick werd mir beeilen, Herr Pastor.“
Nun lauschte der Pastor der Diskussion am Tresen.
„Manchmal hab ich das auch schon gedacht. Ihr Rock konnte gar nicht kurz genug sein“, ereiferte sich der Wirt.
Schulz war entsetzt, wie hier über ein Mädchen, das vor zwei Tagen am hellen Tag in eine Scheune gezogen und vergewaltigt worden war, gesprochen wurde. Wussten die Herren schon mehr als er? Er klinkte sich in das Gespräch ein: „Weiß die Polizei schon, wer der Täter war?“
„Nein, aber wenn Sie mich fragen, Herr Pastor, weiß es die Kleine sehr genau. Sie packt aber nicht aus, weil sie dann selbst in Schwierigkeiten gerät.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte Schulz den Rektor.
„Na, der wird doch erzählen, dass er die Anna nicht vergewaltigt hat. Dass sie das wollte, und nur hinterher so’n Blödsinn erfunden hat.“
Wut stieg im Pastor hoch. Ihn ekelte die abscheuliche Phantasie des Rektors. Auch den Knecht schienen die gemeinen Worte getroffen zu haben. Karl sprach gewöhnlich kaum ein Wort, nun erhob er seine tiefe Stimme: „Wie können Sie so was nur sagen, Herr Direktor, äh Schmitz. Ich kenne die Anna schon sehr lange, die wollte das bestimmt nicht.“
Schmitz fühlte sich sofort angegriffen: „Da haben wir es schon, kaum sagt man mal die Wahrheit über das Mädel, kommt sofort ein junger Kerl daher und verteidigt sie. Hat dir wohl auch den Kopf verdreht, was? So einen wie dich will sie sicher nicht.“
Um dem hitziger werdenden Gespräch eine andere Richtung zu geben, brachte der Pastor, schockiert und hilflos, Gott ins Gespräch: „Der Herr kennt den Täter. Er wird die Polizei auf die richtige Spur bringen.“
„Ja, ja“, gähnte der Wirt gelangweilt. „Jetzt sind wir beim richtigen Thema, hier ist der Pastor Experte“, murrte er.
Schulz wusste, dass der Kronenwirt nicht sein treuestes Schäfchen war und lächelte.
„Aber mal ganz ehrlich! Sie hätten der Anna sicher auch gern mal unter den Rock geschaut“, forderte ihn der Rektor heraus. Eine Sekunde sortierte der Pastor, sichtlich bestürzt, die Worte in seinem Kopf: „Ist wirklich ein hübsches Kind, aber ehrlich, ich habe dieses Laster schon vor Jahren abgelegt. Ich bin für das Wohl der Gemeinde und mein allabendliches Bier auf der Erde. Ratschläge um Liebe und Sex können Sie von mir nicht erwarten. Im Übrigen würde ich vorschlagen, wie benehmen uns nun wie zivilisierte Menschen.“
Britta schob ihr Gesicht dicht an die Köpfe der Diskutierenden und meckerte: „Ick gloob, ick spinne, da nehmen sich die Herrn die Freiheit raus von Dinge zu quatschen, wo se nix von verstehn.“
„Nichts verstehen? Was weißt du Berliner Gör denn schon. Bei euch in der Großstadt ist doch die freie Liebe ohne jegliche Moral gang und gäbe“, schnauzte Schmitz das Mädchen an, um sich anschließend darüber zu amüsieren, wie seine Worte das Mädchen erschütterten.
„Britta“, herrschte auch der Wirt sie an, „ich habe dich hier angestellt um Bier zu zapfen und nicht, daß du dich in unsere Gespräche einmischst. Und, Herr Rektor, sie könnten sich auch etwas gewählter ausdrücken.“
„Ick hab ja bloß jedacht, weil in Berlin doch alle Tage sowat wie ne Vergewaltigung läuft, un det hat nix mit Unmoral zu …“
„Britta, Schluss jetzt!“, befahl der Wirt. Währenddessen rutschte Karl nervös auf seinem Hocker hin und her. Der Pastor bemerkte schon seit geraumer Zeit, dass der Knecht gerne etwas zu Annas Verteidigung gesagt hätte, aber den Mut nicht fand. Immerhin gab man einem Schuldirektor nicht so oft Wiederworte. Karl gab sich einen zweiten Ruck: „Nun mal langsam, ich finde die Anna toll, da haben Sie recht. Aber deshalb würde ich doch so etwas nicht…“
„Also doch wusste ich es doch. Vielleicht hast ja du, weil sie dich nicht rangelassen hat?“
„Gott im Himmel, Schmitz, wie können Sie nur so was behaupten. Hier geht es ja zu wie im Gerichtssaal, dabei kennt niemand den Täter. Jetzt lassen Sie Karl in Ruhe, er ist ein guter Kerl.“
„Sind Sie da ganz sicher?“, fragte Schmitz linkisch.
„Ja“, antwortete der Pastor fest.
„Trotzdem glauben Sie mir, der liebe Gott hat Anna bestimmt nicht gerne in ihrem Aufzug gesehen. Viel zu kurzer Rock und durchsichtige Bluse. Sie hätte sich eben einfach ein bisschen mehr anziehen sollen.“
Im Lokal waren inzwischen alle anderen Gespräche verstummt. Die Musikbox stand stumm und ohne neuerliche Wunschtitel in der Ecke.
„Da hat der Rektor recht“, mischte sich der Wirt erneut ein. „Seht euch die Britta an, die trägt lange Hosen und einen Pullover, und sie sieht trotzdem gut aus. Die macht auch keiner an. Britta weiß eben was sich gehört, zumindest was die Kleidung angeht.“
„Die Anna weiß auch was sich gehört“, rief Karl zornig.
„Reg dich nicht auf, in meenen Oogen is det sowieso alles dummet Jequatsche. Überlegen sich hier tausend Theorien un ham keene Ahnung von Frauen.“
„Genau“, lachte der Rektor, „wenn hier jemand Ahnung hat, ist es Karl. Der nimmt sich, was er braucht, nicht wahr?“, endete er und schaute den Knecht provozierend an.
Der Wirt versuchte, die Situation zu entschärfen: „Rektor Schmitz, ich muss Sie sehr bitten, hier keine Verdächtigungen auszusprechen und meine Gäste zu vergraulen.“
„Ich vergraule hier niemanden. Ich will bloß die Wahrheit hören!“
Die Kneipentür öffnete sich. Zwei Polizisten betraten den Raum und steuerten direkt auf die Theke zu. Einer der Beamten blickte dem Rektor ins Gesicht: „Tut mir leid, dass ich Ihr Gespräch beenden muss, aber ich muss Sie wegen dringendem Tatverdacht im Fall Anna Dorbsch aufs Revier bitten.“
„Da muss eine Verwechslung vorliegen“, stotterte der Rektor.
„Das behaupten alle“, erwiderte der Beamte und schob den Direktor Richtung Ausgang.
„Die Wahrheit kann oft grausam sein“, sagte der Pastor, hob sein Glas und prostete Karl zu und hoffte darauf, bei Verurteilung keine allzu milde Strafe akzeptieren zu müssen.

So, das war mein April-Beitrag, ich hoffe dass ich auch Mai wieder etwas zum vorgesehen Thema anbieten kann.

4 Kommentare zu “Schreibparade April 2012 bei Miss Magic

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