Rezension + Autoreninterview Anja Ollmert – Hinter Türen

Anja Ollmert schrieb mich vor einigen Wochen an, ob ich Lust habe, ihr Buch Hinter Türen zu lesen und anschließend ein Interview mit ihr zu führen. Nachdem ich die Leseprobe angesehen habe, hatte ich Lust. Leider habe ich ein wenig länger dafür gebraucht, als ursprünglich geplant, weil eine Urlaubsvertretung hinzukam, und ich wenig Zeit zum Lesen hatte. Sorry Anja, aber jetzt haben wir es ja geschafft.

Anja Ollmert – Hinter Türen

Kurzbeschreibung:
Wir Menschen sind versucht, einen Blick hinter verschlossene Türen zu wagen. Einen Blick voller Interesse, Neugier, Mitgefühl und wohligem oder ängstlichem Schaudern. Hinter den Türen dieses Buches – denn nichts anderes ist der Buchdeckel für den Leser – verbirgt sich Verblüffendes, Geheimnisvolles, Kriminelles, Mörderisches, Unterhaltsames und Skurriles in 23 Geschichten, die vom Leben erzählen, wie es ist – oder zumindest sein könnte…
Quelle Amazon

In 23 Kurzgeschichten präsentiert Anja unterschiedlichste Blicke hinter Türen anderer Menschen. Kurzweilig, spannend, phantasievoll und manchmal mit überraschendem Ende. Mir gefielen besonders die Storys mit Krimitouch und ich habe bei der einen oder anderen Geschichte bedauert, dass es eben nur eine Kurzgeschichte ist. Schwarzer Humor, morbide Träume und deren Umsetzung finden genauso einen Platz wie das Abtauchen in Traumwelten oder die Welt aus den Augen des autistischen Paul. Der schnelle Einstieg in jede einzelne der Geschichten macht das Lesen leicht und Lust auf mehr. Die Geschichten haben auf den ersten Blick wenig gemein, aber nachdem ich alle gelesen hatte, habe ich doch eine Gemeinsamkeit entdeckt. Jede Story zeigt Facetten des Menschseins; ein Blick in die Seele anderer Leute, unter denen wir durchaus selbst zu finden sein könnten.

Fazit:
Obwohl ich selbst mit Kurzgeschichten begonnen habe (wie wohl fast jeder der schreibenden Zunft ;-D ), bin ich heute nicht unbedingt ein Fan davon, weil ich mir mehr von der Geschichte einer Person wünsche, wenn sie mich erst einmal angefixt hat. So ging es mir auch bei Hinter Türen. Ich hätte gerne mehr über die Vergangenheit von Moona gewußt, bevor sie überhaupt in das Heim kam, Mrs. Miller weiter ausgeleuchtet und erfahren, ob sie Stan nur für ihre Zwecke ausgenutzt hat oder es zu einer neuen Liebe gekommen wäre. Ob sich Struppi gut bei Susan eingelebt hat, weiß ich nur in meiner Phantasie.
Vielleicht aber wäre eine längere Form der Geschichten langatmig geworden und Anja Ollmert hat aus diesem Grund die Form der Kurzgeschichte gewählt. Einige Geschichten lassen durchaus Platz sich selbst Gedanken über den weiteren Verlauf zu machen, andere sind “fertig”. Ich habe alle Storys gerne gelesen und mich dabei gut unterhalten. Meine Lieblinge war Paul trifft Flipper und Millers Ende.
Wenn man bereits im Vorfeld weiß, dass man nicht sehr viel Zeit zum Lesen haben wird, eignet sich Hinter Türen hervorragend, um kurzzeitig in andere Welten abzutauchen und einen Blick zu erhaschen. Fünf von sechs Daumen, weil ich die Geschichten sehr mochte, aber mir von manchen noch ein klein wenig mehr gewünscht hätte.

Daumen hochDaumen hochDaumen hochDaumen hochDaumen hoch

 

Autoreninterview mit Anja Ollmert:

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Als Erstes würde mich interessieren, wie du ausgerechnet darauf gekommen bist, bei mir auf meiner doch relativ kleinen Bücherkladde nach einer Rezi mit Interview zu fragen?
Liebe Sandra, an dieser Stelle sage ich erst einmal ein herzliches Dankeschön, dass du dir Zeit für meine Kurzgeschichten-Anthologie genommen hast. Du bist in meine Auswahlliste geraten, weil ich mich auf deinem Blog umgesehen habe, und ich ihn sympathisch fand. Dann heißt es für den Autor, wie bei jeder neuen Kontaktaufnahme: Mut zur Anfrage. Ich hatte Glück und du hast zugesagt. Es ist nicht ganz leicht, Leser für Kurzgeschichten zu finden, wie ich immer wieder feststelle und wie es auch aus deiner Rezension ganz klar hervorgeht. Das spiegelt übrigens die Meinung aller Blogger mit der Vorliebe für Romane wider, die bisher mein Buch gelesen haben. Manche lehnen aber auch rundheraus ab. Das hast du nicht getan und darüber habe ich mich gefreut.

Warum hast du aus einigen deiner Geschichten keine längere gemacht? Lag ich mit meiner Vorstellung richtig, oder gab es einen ganz anderen Grund?
Viele der Geschichten sind aufgrund einer speziellen Aufgabenstellung entstanden, die zum Teil auch vorgab, wie lang sie sein sollten. Doch ich habe großen Spaß daran, Geschichten entstehen zu lassen, die zwar Charaktere vorstellen, dem Leser aber gewissen Spielraum für eigene Vorstellungen lassen. Für solche Erzählungen sind Kurzgeschichten die perfekte Bühne. Ich muss, und damit meine ich mich selbst in der Rolle des Lesers, nicht alle Facetten einer Figur kennen, um in einen Text hineinzufinden. Manchmal ist es ein winziger Lebensfetzen, den ich beschreibe und da zählt die augenblickliche Befindlichkeit des Protagonisten. Wenn es mir in der Kürze gelingt, den Leser mitzunehmen, dann freue ich mich. Kurzgeschichten lassen mir zusätzlich Spielraum, durch zahlreiche Genres zu wandern. Ich will mich literarisch nicht festlegen lassen.
Der Krimi, an dem ich gerade arbeite, wird auf jeden Fall lang genug, um ein ganzes Buch zu füllen und ich hoffe, dass er deshalb trotzdem weder langatmig noch langweilig wird. Die Liste der Charaktere ist hier deutlich länger, als in den Kurzgeschichten. Es kommt eben auf den Fokus an, der eine Geschichte beherrscht.

Viele Blicke hinter fremde Türen hast du in 23 Geschichten gewährt. Wie lange hast du für das Zusammentragen der Ideen gebraucht und wie viel davon ist in deinem Umfeld wirklich geschehen?
Alle Geschichten sind innerhalb des letzten Jahres entstanden. Ich gebe zu, dass ich keine einzige eigene Leiche im Keller habe und auch in meinem nachbarschaftlichen Umfeld bisher keiner in dieser Hinsicht aufgefallen ist. Einzig die Charakterzüge mancher Zeitgenossen, auf die ich so treffe, halten Einzug in meine Geschichten. Ich beobachte meine Umgebung gerne genau. Impulse und Inspirationen entstehen so, werden aber stilisiert wiedergegeben. Ich glaube nicht, dass sich jemand wiedererkennt, wenn er einen Blick in „Hinter Türen“ wirft.

Ich komme nochmal auf Paul trifft Flipper zurück, mich interessiert, wie du auf ihn gekommen bist? Kennst du jemanden mit diesem Krankheitsbild?
Nein, es war die Themenvorgabe des Wettbewerbs, für den ich diese Geschichte geschrieben habe. Die grobe Vorgabe lautete Ultraschall, was ja mit Delfinen in direkter Verbindung zu sehen ist und im Zusammenhang mit dem Autismus einen eigenen Reiz entwickelte. Autisten, so schwer sie es im täglichen Leben haben, verfügen oft über ganz besondere Fähigkeiten und ich bin sicher, dass es viele gibt, die wie Paul auch die Sprache der Delfine verstehen. Außerdem interessieren mich Menschen, die es in ihrem Leben weniger leicht haben, als andere. Nicht nur auf der erzählenden Ebene.

Einige deiner Geschichten haben ihre Handlung in Amerika? Warst du häufig dort zu Gast oder hast du gar eine längere Zeit dort verbracht?
Du wirst dich vielleicht wundern, aber ich war noch nie in Amerika. Mein Jüngster hat ein Jahr dort gelebt und hat die Eindrücke dieses Aufenthaltes mit mir geteilt. Vielleicht komme ich eines Tages mal dorthin, wer weiß?

Deine Kinder sind erwachsen, ich möchte aber kurz zurück in ihre Kindheit. Wie war das bei euch mit dem Lesen, wie hast du ihnen Bücher nahegebracht?
Meine Kinder sind mit dem Hasen Felix und den altbekannten Märchen aufgewachsen. Auch die Geschichten von Wilhelm Matthiesen aus „Das alte Haus“ oder Gina Ruck-Pauquet mit Sandmännchens Geschichtenbuch gehörten zu den Vorlesepflichten. Später haben wir alle zusammen Harry Potter gelesen, Band für Band, Kapitel für Kapitel, Seite für Seite…. Ich hab mir so manches Mal den Mund fusselig gequasselt beim Vorlesen. Und dass in einem Alter, wo sie längst allein hätten lesen können. Doch einer hätte darauf warten müssen, dass der andere mit dem aktuellen Band fertig wird. Es war also auch eine Frage der Rationalität. Heute kommt mir das bei Lesungen zu Gute :-)

Wenn man über deine bisherigen Publikationen schaut, sind deine Themen eher breit gestreut, was ich persönlich sehr gut finde. Wie aber finden die Ideen zu dir?
Begonnen habe ich mit meinem Buch „Aoife“, das sich mit den keltischen Sagen beschäftigt, für die ich mich schon lange interessiere. Irland und Schottland habe ich, im Gegensatz zu Amerika, bereits kennengelernt und die keltischen Einflüsse sind in beiden Ländern bis heute deutlich spürbar. Die Geschichte ist romantisch angelegt. Auch mein zweiter Roman geht in diese Richtung, doch der dümpelt noch in einer Schublade vor sich hin. Vielleicht schafft er es eines Tages, dort herauszukommen. Das Thema, das ich aktuell verfolge, weicht davon jedoch ab. Und ich kann gar nicht so genau sagen, wie die Idee dazu entstand. Bei den Kurzgeschichten ist es anders. Oft reicht mir ein Stichwort für eine Idee, dann sprudeln die Gedanken. Manchmal sind aber auch der Stichworte zu viele, und die Zeit reicht nicht aus, alle Ideen weiterzuentwickeln.

Und jetzt die Frage, die ich jedem Autor im Interview stelle :-) .
Eine Frage zum Schreiben. Was ist bei Dir der Grundstock zu einer Geschichte. Zuerst das Huhn oder das Ei? Die Person, die Story oder etwas ganz anderes? Und wie lange hast Du gebraucht bis Deine Idee gedruckt war?
Das Ei, würde ich sagen, denn es lässt erheblich größeren Entwicklungsspielraum. Wie schon erwähnt ist es manchmal ein Wort oder eine winzige Alltagsbegebenheit, die mich reizen, eine Geschichte daraus zu machen. Deshalb wiederhole ich die Antwort: Das Ei! Aus einer kleinen Sache kann eine spannende Geschichte werden.
Da ich das Buch selbst verlegt habe, ging es wesentlich schneller als mithilfe eines Verlages. Bis zum Druckerzeugnis habe ich etwa zwei bis drei Wochen hart an der Zusammenstellung und Ausführung gearbeitet. Dabei waren die Geschichten alle längst fertig. Es ging nur noch um die Form des Ganzen. Das ist Fleißarbeit und setzt sich aus Korrektur, Satzüberprüfung und zahllosen Lesedurchgängen zusammen.

Wer Näheres zu Anja Ollmert und ihren Büchern wissen möchte, kann sich auf ihrer Homepage sowie ihrer Facebook-Seite schlaumachen.

Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg beim Schreiben und danke dir ganz herzlich für die Bereitstellung des Buches, deinen schönen und ehrlichen Antworten im Interview und für die nette Zusammenarbeit ♥

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1 Trackback von "Rezension + Autoreninterview Anja Ollmert – Hinter Türen"

  1. am Juli 10 um 10:14