Lisa bekommt eine Spritze

Vorgestern ist Lisa ist vier geworden. Sie hat ein blaues Fahrrad bekommen. Sie kann schon ohne Stützräder fahren. Es macht ihr so viel Spaß, dass sie den ganzen Tag die Auffahrt neben dem Haus herauf und runter radelt.
Lisa ist hingefallen, hat ganz plötzlich das Gleichgewicht verloren. Ihr Knie ist aufgeschürft und tut sehr weh. Sie lässt das Fahrrad fallen, humpelt zur Tür und drückt lange auf die Klingel.
„Ach, du Schreck“, sagt ihre Mama, als sie an die Tür kommt. „Bist du hingefallen?“
Lisa nickt und weint laut.
„Das müssen wir dem Doktor zeigen.“
„Warum?“
„Die Wunde auf deinem Knie ist ganz schön groß. Ich will nicht, dass sie sich entzündet.“
„Was ist entzündet?“, fragt Lisa.
„So wie das beim letzten Mal an Deiner Hand. Weißt du noch?“
„Ja“, antwortet Lisa. „Es war ganz rot und nass. Und es hat wehgetan.“
„Genau“, sagt Mama. „Deshalb wollen wir dein Knie lieber dem Arzt zeigen, in Ordnung?“
Lisa nickt.
Sie freut sich zur Arztpraxis zu gehen, denn dort kriegt sie immer ein Bonbon, wenn sie behandelt wurde und tapfer war.

Als sie wenig später bei Doktor Schulz ankommen, ist das Wartezimmer voll. Lisas Mama geht zur Anmeldung. Lisa setzt sich in die Ecke, in der die vielen Legosteine liegen. Sie beginnt damit ein Haus zu bauen.
Eine Frau mit Baby sitzt ihr gegenüber und schaukelt das Kind hin und her, weil es weint. Lisa beobachtet die beiden interessiert. Sie bekommt auch bald ein Geschwisterchen und freut sich darauf. Mamas Bauch wird dicker, manchmal darf sie ihn anfassen, dann spürt sie, wie das Baby im Bauch strampelt und sich bewegt.
Mama kommt zu ihr ins Wartezimmer zurück, und setzt sich neben Lisa auf den Boden.
Ein paar Stühle weiter sitzt ein Mädchen mit vielen roten Pusteln im Gesicht und am Hals. Sie kratzt sich ständig, vor allem hinter den Ohren.
„Was hat das Mädchen?“, fragt Lisa neugierig.
„Ich glaube, die Masern“, flüstert Mama zurück.
„Kann ich die auch kriegen?“
Lisa ist erschrocken, sie möchte nicht aussehen wie dieses Mädchen.
„Vielleicht“, antwortet Mama, „wenn du dich irgendwo ansteckst.“
„Da passe ich lieber gut auf, und komme ihr nicht zu nah. Das sieht nicht schön aus.“
„Mäuselein“, lacht Mama, „die Masern gehen auch wieder weg, so etwas bleibt nicht für immer.“
„Gut, da hat sie wirklich Glück gehabt“, gibt Lisa erleichtert zurück.
Nach einer Weile werden sie ins Sprechzimmer des Doktors gerufen. Mama nimmt sie an die Hand.
Doktor Schulz lächelt Lisa an, als sie hereinkommt.
„Lisa, was hast du denn gemacht?“, fragt er.
„Ich bin mit meinem neuen Fahrrad hingefallen. Da sind nämlich keine Stützräder mehr dran“, erklärt sie.
„Du kannst schon ohne Stützräder fahren? Das ist ja super!“
„Ja“, antwortet Lisa und strahlt. „Ich bin doch schon vier!“
„Na dann lass mich mal sehen, was mit deinem Knie los ist“. Er schaut sich Lisas Knie genau an.
„Tut das weh?“, fragt er und berührt sie vorsichtig.
„Ganz doll“, jammert Lisa.
Der Doktor holt eine Tube mit Salbe, ein Stück Mull und eine Binde aus einer Schublade. Er gibt Salbe auf das Knie, legt den Mull darüber und umwickelt es mit der Binde. Dann nimmt er seinen Kugelschreiber und malt ein Gesicht auf den Verband.
„Das sieht lustig aus“, ruft Lisa und freut sich. „Fast wie mein Opa, der hat auch weiße Haare.
Mama und der Doktor lachen.
„Wie sieht es mit einer Tetanusimpfung aus?“, fragt der Doktor ihre Mama.
Lisa weiß nicht, was er damit meint.
„Ich glaube sie ist nötig“, sagt Lisas Mama und gibt ihm ihren Impfausweis.
Lisa bekommt Angst. Wovon reden die beiden? Sie mag es nicht, wenn sie etwas nicht versteht.
Doktor Schulz schaut in den Ausweis und nickt.
Mama kommt und nimmt Lisa in die Arme.
„Lisa du musst eine Impfung bekommen“, sagt sie, „das ist sehr wichtig.“
„Nein“, entgegnet Lisa und schüttelt heftig mit dem Kopf. „Davor habe ich Angst.“
„Du brauchst keine Angst zu haben, es tut gar nicht weh.“
Lisa wehrt sich: „Doch, beim letzten Mal hat es wehgetan.“
„Aber da warst du noch viel kleiner“, meint Doktor Schulz. „Jetzt bist du doch schon so groß. Er zeigt mit seinem Arm wie groß Lisa ist.
„Wenn du dir die Spritze nicht geben lässt, kannst du sehr krank werden.“
„Wieso?“
„Weil die kleinen Bakterien aus der Wunde in deinen Körper krabbeln können und dich krankmachen“.
„Dann hau sie doch tot“, schlägt Lisa vor.
„Ich hab da was Besseres.“
„Was denn“, fragt Lisa.
„Hier in der Spritze sind kleine Helfer. Die bauen eine Schranke in deinem Blut und die bösen Bakterien können nicht mehr durch. So bleibst du gesund.“
„Toll“, sagt Lisa und hat ihre Angst schon fast vergessen. Doch als der Doktor mit der Spritze in ihre Nähe kommt, schreit sie los: „Nein, ich will nicht.“
Lisa will hinausrennen. Mama erwischt sie an der Tür und hält sie fest.
„Lisa mein Schatz, du weißt jetzt, dass du krank werden kannst ohne diese Impfung. Wenn du krank wirst, steckst du mich an, und ich dein Geschwisterchen in meinem Bauch. Das willst du doch sicher nicht?“
Lisa denkt kurz darüber nach. Nein, das will sie nicht!
„Gut“, sagt sie ängstlich, “aber versprich mir, dass es nicht so weh tut.“
Doktor Schulz lächelt sie an: „Ich bin ganz vorsichtig, und du musst sehr gut aufpassen.
„Warum?“
„Ich möchte nachher von dir wissen, ob die Spritze pieks oder paks gemacht hat, einverstanden?“
„Okay“, sagt Lisa. Sie setzt sich auf die Liege und schiebt den Ärmel ihres Shirts hinauf. Sie wartet auf den Einstich.
– Da, es hat pieks gemacht!-
„Pieks, pieks, pieks“, ruft sie und springt auf.
Doktor Schulz geht an seinen Schreibtisch, öffnet eine Schublade und holt eine Handvoll Bonbons hervor. Dann nimmt er den Telefonhörer in die Hand und spricht kurz.
„So, Lisa, die sind alle für dich, und gleich bekommst du noch etwas.“
Die Tür geht auf, und die Arzthelferin bringt eine kleine Anstecknadel. Darauf ist ein Pilz und es steht auch etwas in ganz bunter Schrift drunter.
„Was heißt das Mama?“
„Orden für Mut und Tapferkeit beim Arzt“, liest Mama vor. “Den hast du dir wirklich verdient“, sagt sie stolz.
„Tschüs, Doktor“, ruft Lisa und zieht Mama aus dem Sprechzimmer.
Sie ist froh, dass die kleinen Bakterien ihr Geschwisterchen und sie nicht mehr krankmachen können und auch nicht das Baby.

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