Gib mir Worte

Die Rede der Sibylle Lewitscharoff ?!?

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Bedeutungen: Manchmal ist es besser, zu schweigen statt Unpassendes oder Überflüssiges zu sagen.
Herkunft: Silber ist weniger wert als Gold und diese Einschätzung überträgt das Sprichwort auf die Eigenschaften Gesprächigkeit und Verschwiegenheit. Letztere wird als die bessere angesehen.
Quelle Wiki

Das die von der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff am 2. März 2014 im Staatsschauspiel Dresden (Audiodatei + PDF zum Download verfügbar) gehaltene Rede erst jetzt beginnt Welle zu schlagen, ist seltsam. Sofortige Reaktionen blieben nach Medienberichten aus.
Löblich, dass sie zu Beginn ihrer Rede davor warnt, dass sie in dieser Rede auf humorige Einlagen verzichtet. Das Thema sei zu ernst, und das wurde es meines Erachtens auch.
Geburt und Tod ist ein wichtiges und ernsthaftes Thema, soweit kann ich zustimmen. Einführend gibt sie kurze Einblicke in ihre Kindheit.

Was den Tod anbelangt, den wir mehr oder weniger bänglich, mehr oder weniger verleugnend erwarten- über dieses Thema können wir alle sprechen, sei es religiös, sei es ängstlich oder scheinrational abgebrüht.“

Die in ihrer Rede zum Tod getroffenen Aussagen treffen zu mehr als 90% meiner Zustimmung.
So sie aus persönlicher Erfahrung vom Tod ihrer Großmutter, die unter dem Credo lebte:

„Hilf den Schwachen, wenn du ein gottgefälliges Leben führen willst.“

Stets großzügig und sehr sozial war die Großmutter vielen im Ort eine echte Stütze.

Sie war extrem beliebt, hatte es nicht nötig, die Leute mit religiösen Spruchweisheiten zu traktieren, eben weil der Glaube fest in ihr gegründet war.

Als sie im Sterben lag, klagte sie nicht und war zuversichtlich. Ihre einzige Sorge galt ihrer Familie, die sie zurücklassen musste. Ihre Oma sei der einzige Mensch, der einen „guten“ Tod gestorben war. Ihr Vater, ihrer Mutter als auch die Freundin ihrer Mutter seien Beispiele für einen Tod, der von Verzweiflung, Wut und ohne himmlischen Trost abgelaufen seine. Für mein eigenes Ende würde ich mir auch wünschen, dass ich nicht im Groll oder klagend und verurteilend gehen werde.
Sibylle Lewitscharoff geht auf das von Ärzten praktizierte ‚Leben um jeden Preis‘ ein. Hier bin ich ebenfalls voll bei ihr, denn wie weit soll die Forschung noch kommen, um Leben auch unter Qualen immer weiter zu verlängern? Viele Patienten gehen einen längeren Sterbensweg, weil Medikamente die Schritte, die sie gehen müssten, um ein vielfaches Verlängern. Pflegefälle mehren sich und deren Versorgung gestaltet sich immer schwieriger.
Patientenverfügungen zu Lebensverlängernden Maßnahmen, die ihr ein mulmiges Gefühl bescheren, halte ich für unumgänglich. Auch wenn ein Mensch beschließt, sein Leiden nicht länger zu ertragen, kann ich in bestimmten Fällen nachvollziehen. Wenn ein ärztlich überwachter Suizid stattfindet, ist dies keine Kurzschlussentscheidung, und der Mensch weiß keinen anderen Ausweg mehr. Mir steht es nicht zu, darüber zu urteilen, obwohl mir ein geplanter Tod Gänsehaut und Unbehagen verursacht, muss ich es doch akzeptieren können.
Zum Thema Sterben und Tod herrscht also fast eine Einigkeit an Ansichten.
Ganz anders sieht es zu Schwangerschaft und Geburt aus. Auch hier hat jeder seine subjektive Meinung. Sie sagte, dass sie nie Kinder wollte und diesen Entschluss auch bis heute nicht bereut. Wunderbar, jeder nach seiner eigenen Auffassung. Ich wollte Kinder und habe eines bekommen. Etwas überraschend und ohne ärztliche Hilfe. Ich kenne einige Paare, die etwas nachhelfen mussten, um ihren Kinderwunsch zu verwirklichen? Verwerflich?, nein warum denn, dachte ich immer?

„Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner, haben ein sauberes Arztkittelchen an und werkeln nicht mit brodelnden Glaskolben und in einer mit giftigen Dämpfen erfüllten mittelalterlichen Bogenhalle. Es geht dabei sehr rein und fein und überaus vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.
Früher habe ich mich über das drastische biblische Onanieverbot gern lustig gemacht, inzwischen erscheint es mir geradezu als weise. Die Vorstellung, dass ein Mann in eine Kabine geschickt wird, wo er, je nach Belieben, mit oder ohne Hilfe von pornographischen Abbildungen, stimuliert wird, seine Spermien medizingerecht abzuliefern, die später in den Körper einer Frau praktiziert werden, ist mir nicht nur suspekt, ich finde sie absolut widerwärtig.
Gut, man mag denken, der Vorgang selbst ist nicht gerade besonders schön, aber wenn eine
Frau, die unbedingt schwanger werden wollte und der dies bisher leider verwehrt war, wenn
diese Frau nun ein Kind bekommen darf, also ein Wunschkind hernach das Licht der Welt
erblickt, ist doch alles in Ordnung.
So simpel können nur Menschen denken, die auf die psychische Bedeutung von Ursprungskonstruktionen noch nie einen Gedanken verschwendet haben. Wie verstörend muss es für
ein Kind sein, wenn es herausbekommt, welchen Machinationen es seine Existenz verdankt.“

Okay, man kann darüber streiten, ob man es abscheulich findet, seine Reproduktionsflüssigkeiten in sterilem Rahmen abzugeben. Romantisch ist sicher anders, aber manchmal geht es eben nur so. Auch ob man die Notwendigkeit des Mannes in der Erziehung außen vor lässt, wenn man auf Samenbanken zurückgreifen kann, ist diskussionsfähig. Aber bitte, es ist weise es zu unterbinden?
Wie verstörend es für ein Kind ist, herauszufinden, dass ein Teil von ihm aus der Retorte kommt? Hmmm, es müsste nicht darüber nachdenken, wenn es diese medizinischen Möglichkeiten nicht gäbe. Man kann jetzt darüber reden, ob wir damit in Gottes Werk eingreifen, oder ob es gottgewollt war, solche Möglichkeiten an die Hand zu bekommen. Es gibt unzählige Beispiele glücklicher Familien, die es ohne ärztliches Eingreifen nie gegeben hätte..
Es geht aber noch weiter und größer könnte die Schere unserer Meinung nun kaum noch auseinanderklaffen.

„Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden
blauäugigen ss-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe,
das ist klar, übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden
sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil
es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in
solchen Fällen stärker als die Vernunft.“

Spätestens an dieser Stelle wäre ich nicht weiter geneigt gewesen länger zu lauschen. Gutes Benehmen hin und her und eine Rede nicht unterbrechen. ‚Halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas‘, auch wenn man um seine Meinung zu unterstreichen gerne übertreibt. Das geht gar nicht, sorry.
Schade, dass Ihre in Teilen wirklich gute Rede am Ende so gnadenlos unter die Gürtellinie geht. Gar nicht passend zum Credo Ihrer Großmutter.
Georg Büchner aus Lenz:

Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen, unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist, das Gefühl, daß Was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen Beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.

Die Diskussionen gehen jetzt erst in die Vollen.
Ein Interview zum Thema, das Frau Lewitscharoff der Frankfurter Allgemeinen am 06. März gegeben hat, möchte ich auch noch rasch als Link einfügen.
Titel: Darf ich nicht sagen, was ich denke?
Doch aber doch nicht so!!!

 

6 Kommentare zu “Die Rede der Sibylle Lewitscharoff ?!?

  1. sabo

    Ich wünschte mir, nachdem ich heute mehrfach über diese Rede gelesen und (Teile) selbiger gelesen habe, der Frau hätte jemand den Mund verboten oder es wären alle Zuhörer aufgestanden und gegangen. Denn da fehlte ihr schlichtweg nicht nur jede Menge Taktgefühl und Feingefühl, sondern auch Hirn. Ich weiß nicht, ob sie das Hirn an der Garderobe abgegeben hatte oder vorhatte, dermaßen zu provozieren. Ihre halbherzige Entschuldigung klingt in meinen Ohren wie die trotzige Reaktion eines Kindergartenkindes wenn es „überführt“ wurde. „Aber das hab ich doch gar nicht so gesagt / gemeint!“ am besten mit Schippe ziehen und zu Boden blicken. Ich hoffe, sie geht jetzt auch in die Ecke und schämt sich für den rest ihres Lebens und ich muss nie wieder etwas von ihr hören. Aber in unserer mediengeilen Zeit wird es wohl eher ins Gegenteil ausarten. Hoffentlich weiß die „Gutste“, was ein Shitstorm ist!
    LG & knutscher

    1. Sandra Autor des Beitrags

      Klar wird sie damit jetzt durch die Medien gezerrt. Mich ärgert dabei auch sehr, das da keine prompten und deutlichen Reaktionen gleich vor Ort kamen. Ich hätten den Sekt danach garantiert nicht mehr mitgeschlabbert.

      1. sabo

        Ich hätt ihn ihr höchstens ins Gesicht gekippt (oder wahlweise auch Cola oder andere Getränke) boah nee. Aber ich glaub, das Ende hätte ich nicht erlebt. Und ich wäre bestimmt nicht leise gegangen. Manchmal kann auch ich meine gute Erziehung vergessen.

        1. Sandra Autor des Beitrags

          Die sollte man in manchen Fällen auch ganz rasch hinten anstehen lassen. Einen dicken Guten Morgen Knutschaaa https://www.gib-mir-worte.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_heart.gif

  2. Timm der NetzBlogger

    Es ist schon erstaunlich.
    die einen werden schon ans Kreuz genagelt, weil sie“ Negerkuss“ und nicht „Schaumkuss“ oder „die scharzen in Afrika“…

    Hier wird öffentlich das, was Hitler verfolgte, „Recht auf eigene Meinung“ verkauft.
    Unglaublich. Wie würde sie es finden, wenn man sie selbst als abartiges, widerwärtiges, und „Weißnichtwas“ bezeichnet?

    Entschuldige bitte. Welches Hirn sollte sie an der Garderobe abgegeben haben?
    Wer mit Begriffen, wie widerwärtig, abscheulich, abartig und Gemurkse um sich wirft und dann noch offen zugibt, dass die Abscheu größer als die Vernuft ist, von dem kann ich nicht viel geistige Fitness erwarten. Das solchen Menschen immer wieder Gehör verschafft wird?
    Wahrscheinlich wieder ein „Werbegag“. So kontrovers wie möglich auftreten damit man in Erinnerung bleibt.
    Die Menschen werden immer bekloppter, dass sieht man auch den Klicks auf Youtube. Je dämlicher, desto mehr Klicks. Und dann kommen diese Idioten auch noch ins Fernsehen! …
    Wie auch immer. Georg Büchner mit seinem Fatalismus gehört für mich zu den bedeutendsten Literaten des Vormärz. Leider starb er viel zu früh an Typhus.
    „Der hessische Landbote“ gehörte ebenso wie „Dantons Tod“, „Lenz“, „Leonce und Lena“ und „Woyzeck“ zum meinem Deutschunterricht und ich war fasziniert von seiner Lebensgeschichte und seinen Werken.
    Ob das bei Sibylle Lewitscharoff auch der Fall war?
    LG Timm

    1. Sandra Autor des Beitrags

      Erschreckend ist es in jedem Fall, egal ob geplant oder verplant beim Reden. Als Preisträgerin des gleichnamigen Preises sollte sie mit Büchners Werken zumindest vertraut sein. Wusstest du, das er praktisch ums Eck auf die Welt gekommen ist? Nina hat in Goddelau mal ein Praktikum gemacht.

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