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Die Brücke zum Frühling

Die Brücke zum Frühling

August lag mit geschlossenen Augen und regungslos in seinem Bett. Bis das gespritzte Morphium seine Wirkung zeigte, vermied er Bewegungen um die starken Schmerzen zu umgehen. Er war der Schulmedizin dankbar, Sedativa ermöglichten es ihm, diesen dreckigen Todeskampf in Würde durchzustehen. Es gab niemanden mehr der ihn wimmern oder schreien hören konnte, doch war es stets Teil seines Lebens, stark zu sein. Für Schwächlinge empfand er wenig Toleranz.
Als seine Frau Emma vor ziemlich genau zwei Jahren im Sterben lag, hatte er sich gewünscht nicht im Laufe der Jahre verlernt zu haben, seine Gefühle auszudrücken. August war ab der Diagnosestellung für sie da gewesen, Anziehen, Füttern, Medikamente verabreichen wurden zu den selbstverständlichen Aufgaben seines Lebens. Ihr seelischen Halt zu geben, fiel ihm hingegen unglaublich schwer. Seine Umarmungen wirkten hölzern, jedes Wort der Zuneigung klang hohl. Wie konnte man zum Ausdruck bringen, dass es keinen größeren Schicksalsschlag geben konnte, als der letzten übrig gebliebenen Person die man liebte, Lebewohl sagen zu müssen. Dem einzigen Menschen der einen selbst noch blieb und Zuneigung spüren ließ?
Er war sich sicher, dass seine Frau seine Bemühungen verstand, obwohl er sich selbst in seinen Bemühungen mehr als lachhaft fand. August erkannte im letzten Glanz ihrer Augen, dass auch ihre Liebe für ihn nie erloschen war.

Das Schmerzmittel begann seinem Zweck zu dienen, sein Geist war wieder völlig wach. Wenn er in diesem Zustand in seinem Krankenbett lag, dachte er immerzu an Emma. Welche Ironie des Schicksals, von Gott, oder welche Macht auch immer, das ihm wenig später die gleichen Qualen auferlegt wurden. Er spürte, wie er selbst nach Liebe und Zuneigung dürstete, um eine Hand, die ihn begleitete, ihm über den Kopf streichelte und eine Stimme, die ihm Mut machte. Courage fehlte ihm, dass erkannte immer deutlicher. Er war nicht bereit zu sterben. Selbst jetzt, als sein Körper ihm viele Funktionen einfach versagte, wollte er sich lieber weiter quälen, als in das ihm unbekannte Reich einzutreten. Fegefeuer, Hölle und all die anderen Vermutungen über das Ende eines Menschenlebens hielt er für ausgemachten Blödsinn. August stellte sie unter dem Ableben ein großes Nichts vor, einen traumlosen Schlaf. Er wollte sich nicht vorstellen, darin zu versinken, nie mehr etwas zu sehen, zu hören oder zu fühlen. Panik erfüllte ihn, wenn er merkte, dass die Ärzte ihn auf diese besondere Art anschauten. Man konnte es in ihren Blicken lesen. Schon bei Emma hatte August diesen Keine-Chance-Blick gesehen. Auch die Schwestern gaben deutliche Signale über seinen Zustand. Rita, die ihm vorhin gespritzt hatte, agierte so, als würde es nicht mehr viele Injektionen für ihn geben.
Es war Herbst, vielleicht eine gute Jahreszeit zum Sterben?
Emma hatte geduldig ihr letztes Weihnachtsfest abgewartet, bevor sie ihre Augen für immer schloss.
Er konnte dieses Ziel nicht mehr erreichen, zu fern und voll Bürden, aussichtslos. Warum auch, mit wem sollte er das Fest der Liebe Feiern?
Er schloss die Augen und fiel in einen leichten Schlaf. Seine Frau kam über eine Brücke auf ihn zu, lachte und winkte ihn heran. Im Traum war es Frühling, Augusts liebste Jahreszeit. Die Energie und Stärke der sich erneuernden Natur hatten ihn in jedem Jahr den größten Respekt und Bewunderung empfinden lassen.
Emma rief laut seinen Namen, er zögerte. Ängstlich, dass diese Brücke jener Weg war, vor der er sich fürchtete, blieb er abrupt stehen. August schaute sich um und spürte die Wärme und leichte Brise des Windes körperlich. Seinen kranken Leib ließ er ohne Bedauern zurück. Bestärkt und beseelt bestaunte er die Bäume und Pflanzen rund um die Brücke. Alles war gezeichnet vom Emporkommen des neuen Lebens. Emma kam näher, sie sah gesund und glücklich aus, schien zu schweben. Wieder rief sie nach ihm, dieses Mal lauter. Eine leise Ungeduld war aus ihrer Stimme zu vernehmen, ihre Worte fordernd.
‚Sie will mich zu sich locken, dachte er finster. Ist nur ein Trugbild, will mich ins schwarze Loch Tod ziehen, ich widerstehe!‘
Doch August spürte, dass seine Gedanken an Widerstand und Flucht rasch verflogen. Er wollte sich seiner Frau nähern, die Blumen riechen und die nutzlos gewordene Körperhülle abstreifen. Wollte nichts anderes mehr.
Sehnsüchtig ging er ihr ein Stück entgegen.
Der Tod ist für jeden anders, hatte er vor vielen Jahren einmal gelesen. Vielleicht war dies seine Version des Sterbens?
Er atmete tief ein, atmete, ohne den unangenehmen Sauerstoffschlauch zu spüren, die Luft war klar und erfrischend. Er brauchte mehr davon, wollte seine geliebte Emma in die Arme schließen und nichts mehr von seinem Siechtum wissen. August war bereit, er breitete seine Arme aus und lief mit schnellen Schritten zu seiner Frau.

Es war Frühling, er war frei, und im Krankenhaus entfernte Schwester Rita das Bettlaken eines freigewordenen Bettes.

2 Kommentare zu “Die Brücke zum Frühling

    1. Sunny

      Ich freue mich, dass Du das letzte Stück mit August gegangen bist. Mir ging es beim Schreiben ähnlich.

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