Gib mir Worte

Bruder Filips Entscheidung

Die Tür zur Schreibstube knarrte, als der Novize Raffael diensteifrig den Raum betrat. Im Schein der Kerzen erkannte er, dass der Mönch, dem er die wichtige Botschaft übermitteln sollte, tief über ein Pergament gebeugt saß und nachdachte. Kaum hörbar räusperte sich Raffael und wartete auf eine Reaktion von Bruder Filip. Nichts geschah!
„Bruder Filip“, flüsterte er vorsichtig in den Raum.
„Was willst du?“, herrschte ihn der Mönch an und hob erbost seinen Kopf. Raffael trat nervös von einem Bein auf das andere. Die Wutausbrüche Filips waren im gesamten Kloster gefürchtet, doch er musste die ihm aufgetragene Aufgabe so schnell als möglich ausführen.
„Nun“, begann er stotternd, „Bruder Matthias schickt mich mit einer Botschaft zu Euch.“
Filip erhob sich, seine stattliche Figur verdunkelte für einen kurzen Moment den Raum, bis er an den Kerzen vorbei an Raffaels Seite trat: „Lass hören“, knurrte er.
„Der Abt ist schwer erkrankt. Er liegt im Krankenzimmer und leidet bittere Qualen. Matthias weiß sich keinen anderen Rat, als Euch zu bitten, nach dem ehrwürdigen Abt zu sehen.“
Der Groll war aus Filips Gesicht gewichen, stattdessen machte sich Besorgnis und Kummer breit.
Er ging zum Tisch und löschte die Kerzen: „Lass uns keine Zeit verlieren!“

Mit hastigen Schritten verließen die beiden die Schreibstube und eilten den düsteren Korridor entlang.
Bald blieben sie vor einer eisenbeschlagenen Tür mit einem großen metallenen Klopfer stehen.
Als Filip den Arm ausstreckte, um ihn zu betätigen, hielt er inne und schaute Raffael ins Gesicht: „Welche Krankheit, sagtest du, hat ihn aufs Lager gezwungen?“ Raffael zuckte mit seinen dürren Schultern: „Man teilte mir lediglich mit, ich solle Euch nur bis zur Tür begleiten und mich danach zurück in den Klostergarten begeben“.
„So tue denn, wie es dir aufgetragen!“
Raffael starrte Filip neugierig an.
„Hast du’s nicht vernommen? Verschwinde von hier und mach dich endlich nützlich. Du kannst von Glück reden, dass wir hier vor der Tür eines sehr kranken, von mir hochgeschätzten Abtes stehen! Andernfalls prügelte ich dir augenblicklich dein letztes Stück verbliebenen Verstandes aus dem Schädel“, zischte er und machte mit seiner rechten Hand eine fortwinkende Bewegung Richtung Garten. Raffael erbleichte, drehte seinen Körper in die angewiesene Richtung und rannte so schnell er konnte davon.
Filip klopfte dreimal an die Tür und wartete mit verschränkten Armen auf Einlass. Von drinnen drangen aufgeregte Stimmen und forsche Schritte nach außen. Endlich öffnete sich die Tür mit lautem Quietschen einen Spaltbreit und ein Mönch mit zerzaustem, rotem Haar streckte seinen Kopf nach draußen: „Dem Himmel sei Dank, Ihr seid es Bruder Filip. Tretet rasch näher.“
Filip quetschte sich durch den schmalen Durchgang und sog im selben Augenblick scharf die Luft ein. Ein modriger, todverheißender Geruch schlug ihm entgegen und nahm ihm für einige Sekunden den Atem. Ein in einer schäbig wirkenden Kutte gekleideter Mönch reichte ihm einen Fetzen Stoff und deutete auf seine Nase.
„Bedeckt Sie gut und hütet Euch davor, allzu nah an den Abt heranzutreten.“
Filip stand bewegungslos im Raum. Erst als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er einige der Brüder, die um das Lager des kranken Abtes standen. Und er erkannte noch etwas, den Geruch des Todes. Die Pest! Vor einigen Jahren, er war seinerzeit noch als reisender Geistlicher unterwegs, hatte man ihn zur Letzten Ölung in ein karges Häuschen am Rande eines Dorfes gerufen. Dort war er diesem abscheulichen Geruch zum ersten Male begegnet.
Er schämte sich noch heute, wenn er daran dachte, dass er aus Angst vor einer Ansteckung, dem jüngsten Sohn der Familie, die Letzte Ölung verweigert hatte. Die Bewohner hatten ihn daraufhin mit Gegenständen beworfen, verflucht und zum Teufel gejagt. Seine schreckliche Erinnerung überfiel ihn wie ein Fieber und die Angst um sein Leben kroch wie damals in seinem Körper empor. Jahrelang war durch das ganze Land gewandert, wollte seine Schmach vergessen und dafür büßen, doch es gelang ihm nicht, sich von seinen Schuldgefühlen zu befreien. Er konnte keine Erlösung finden. Schließlich war er in dieses Kloster eingetreten. Von da an glaubte er, seinen Nöten entkommen zu sein, doch nun standen sie in anderer Gestalt wieder vor ihm.
„Was können wir tun, Bruder Filip?“, riss ihn Matthias aus seinen Gedanken und sah ihn erwartungsvoll an.
„Nichts, was ihn retten könnte. Er wird bald vor seinem Schöpfer stehen. Wir können ihm nur ein wenig Linderung verschaffen.“
Bruder Matthias trat an seine Seite und flüsterte: „Ihr seid also meiner Meinung?“
Filip nickte stumm.
„Auf ein Wort?“, flüsterte er Filip zu und wies zur Tür? Filip folgte ihm.
„Denkt ihr, wir können einen Ausbruch in im Kloster verhindern?“, fragte Matthias im Flüsterton.
„Nein. Es sei denn, Ihr würdet in der Versammlung einen Vorschlag wagen. Dort muss beraten werden, ob wir ihn umgehend dem Feuer übergeben.“
„Bei lebendigem Leib?“, flüsterte Matthias entsetzt.
„Wo denkt ihr hin. Ich würde ihm einen Trank geben, der ihn von seinen Leiden erlöst.“
Matthias nickte: „Geh und hole alles, was du dafür brauchst. Und zu niemandem ein Wort. Für diesen Plan bekommen wir niemals die Zustimmung unserer Brüder. Aber ich will und muss die Abtei vor schrecklichem Unheil bewahren. Auch, wenn es in den Augen des Herrn eine Sünde ist, ich darf mich nicht scheuen, es zu tun“, erklärte er und öffnete die Tür zur Kammer das Kranken.
Der Abt drehte sich keuchend und wimmernd auf seinem Lager. Es schien so, als habe er das eben Besprochene vernommen und sei einverstanden.
Filip haderte mit sich, seinem Glauben und Gott. War dies seine Prüfung? Konnte er die richtige, weise Entscheidung treffen oder versuchte gar der Teufel ihn auf seine Seite zu treiben? Der Abt stöhnte drinnen lauter. Der Wunsch nach frischer Luft ließ Filip seine Entscheidung treffen. Er trat ein, ging kurz an das Lager des Kranken, blickte in glänzende, gequälte Augen, machte auf dem Absatz kehrt und ging ins Scriptorium.

Im Klostergarten rupfte der Novize gerade Unkraut, als Filip neben ihn trat und ihm das Pergament reichte, das er zuvor mit den Zutaten, die er benötigte, beschriftet hatte.
„Geh und hol mir diese Kräuter. Beeile dich, der Abt benötigt sie!“
„Seid ihr so rasch von ihm zurück?“, fragte Raffael und schaute überrascht.
„Ist es an dir, solche vorwitzigen Fragen zu stellen?“
„Nein, sicher nicht Bruder Filip. Ich eile, doch war mir, als habe ich beim Auftragen der Nachricht vernommen, dass der ehrwürdige Abt unheilbar erkrankt sei. Ich dachte bei mir, es würde eine längere Zeit in Anspruch nehmen, sich darüber ein genaueres Bild zu machen.“
„Dachtest du das? Ich erachte, du wirst nun lieber rasch deines Weges gehen. Dein Werkzeug liegt nicht weit von meinem Fuße entfernt, ich könnte es blitzschnell in die Hände bekommen.“
Raffael rannte los, und damit er genug Abstand zu seinem zornigen Bruder Filip bekam, begann er mit den Kräutern der hintersten Ecke des Gartens.
Aber war er auch wirklich zornig? Raffael bemerkte zwar, dass Bruder Filip sich um ein böses Aussehen bemühte, doch hinter der Fassade war noch etwas anderes zu erkennen. Hilflosigkeit, Verzweiflung und Qual.
Er kann dem Abt nicht helfen, verstand Raffael traurig und zupfte die gewünschten Kräuter.
Als er die letzte Zutat in seinen Korb gelegt hatte, ging er mit gesenktem Kopf zurück zu Filip, der an einen Baumstamm lehnte und nachdenklich in den Himmel starrte.
„Hier sind die von Euch gewünschten Kräuter, Bruder Filip“, sagte er leise.
„Stell sie hier ab und bevor du wieder an deine Arbeit gehst, beantworte mir eine Frage.“
„Höchst gerne“, antworte Raffael, beglückt das Filip seinen Rat wollte.
„Du möchtest ein guter Mönch werden?“
„Gewiss!“, antwortete der Novize ohne Zögern.
„Male dir folgende Situation aus. Du erfährst, dass dein geliebter Abt unheilbar erkrankt ist.
Er zögerte kurz, doch aus irgendeinem Grund fühlte er, dass es richtig war, sich Raffael anzuvertrauen. „Aber ich warne dich“, setzte er seine Rede fort, „niemand darf etwas von diesem Gespräch und dem, was ich dir jetzt anvertraue, erfahren.“
Raffael nickte eifrig und hob die Hand zum Schwur.
„Der Abt ist unheilbar erkrankt. Es gibt keine Hoffnung auf Genesung und es besteht große Gefahr für das gesamte Kloster, denn seine Krankheit ist nicht nur unheilbar, sondern auch höchst ansteckend. Nur durch Feuer kann man die Gefahr der Ausbreitung auf ein Mindestmaß vermindern. Hast du das soweit begriffen?“
Wieder nickte Raffael.
„Dies bedeutet, dass Abt sofort sterben muss, damit man seinen Körper sogleich dem Feuer übergeben kann. Nun meine Frage an dich, wie würdest du entscheiden? Den Abt töten, um die verbleibenden Mönche zu retten oder den Abt verschonen und mit den Brüdern gemeinsam den Tod finden?“
Raffael überlegte eine ganze Weile, schließlich antwortete er: Ich wähle keine der beiden Möglichkeiten.“
„Stattdessen?“
„Ich schütze meine Brüder, helfe dem Abt beim Unvermeidlichen und helfe damit mir!“
Filip verstand, reichte dem Novizen die Hand und lächelte: „Hab Dank für diese weise Antwort. Ich bin mir vollkommen sicher, dass du ein vollkommener Mönch und Diener Gottes werden wirst.“
„Dank an Euch, Bruder Filip, ich will mich mühen.“

Filip nahm den Korb von der Erde, ging mit raschen Schritten zur Eingangstür, atmete eine letzte Brise frischer Luft und betrat das Kloster. Entschlossenen Schrittes näherte er sich der Tür und pochte heftig daran.
Matthias öffnete ihm und er trat ein.
„Habt Ihr, was Ihr braucht“, fragte Matthias.
„Alles ist vorbereitet, nur gewährt mir einen letzten Wunsch. Geht mit all unseren Brüdern hinaus und lasst mich mit dem Abt allein. Einer mag vor der Tür Wache halten.
Wenn Ihr ein dreimaliges Klopfen hört, wartet vier volle Stunden. Danach kommt herein, nehmt unsere Leichnahme, tragt sie so rasch ihr könnt ins Freie und übergebt sie den Flammen.“
„Aber“, unterbrach Matthias. „Was habt ihr vor, ich dachte, wir seien uns einig darüber, dass…“
Filip schüttelte den Kopf: „Mein Bruder, mein Herz und mein Gewissen haben Dank einer weisen Überlegung im Garten, eine andere Entscheidung getroffen. Akzeptiert ihr diese, wird unser Kloster weiter bewohnt und bevölkert sein. Lehnt ihr ab, seid ihr alle des Todes! Ich bete zum Herrn, dass Euer Schutz ausreichend war um nicht selbst dem Siechtum anheim gefallen zu sein.“
„So sei es denn“, antwortete Matthias und winkte die restlichen Mönche zur Tür. „Der Herr sei Eurer Seelen gnädig“, rief er und verschwand im Korridor.
Entspannt und gelöst nahm Filip neben dem alten, gezeichneten Abt Platz und begann seine Kräuter zu pressen und zu mischen. Seine Gedanken glitten zurück in unbeschwerte Kindertage, seine Nase ignorierte den beißenden Geruch und eine himmlische Gelassenheit machte sich in ihm breit.
Bald war der Abt von seinen körperlichen Leiden befreit und er, Filip nach langer Zeit und schwerem Kampf von seinem seelischen Martyrium.

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